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Wer liest noch Balzac?

 

Heute kennen viele Menschen den Namen Honoré de Balzac und haben den Obertitel des größten Teils seines Werkes "Die menschliche Komödie" schon einmal gehört.

Als ich mit der Vorbereitung eines Vortrages, einer Broschüre, einer Internetseite anlässlich des 200sten Geburtstages Balzacs am 20. Mai 1999 begann, erzählte ich einer Reihe meiner Freunde und Bekannten davon und musste feststellen, dass die wenigsten eines der vielen Meisterwerke Balzacs gelesen haben.

Ich selbst stieß auf Balzac vor etwa zwanzig Jahren. Ein damaliger Freund lieh mir das Buch "Glanz und Elend der Kurtisanen" mit den Worten, dass er dieses Buch für großartig hielte. Ich begann auf die Empfehlung hin, das Buch zu lesen und fand es zunächst sterbenslangweilig: Es traten ewig viele Personen auf, alle mit - für mich als nicht französisch Sprechende - verwirrenden Namen, die in keinem Verhältnis zueinander zu stehen schienen. Außerdem für den Menschen des Film- und Fernsehzeitalters ungewohnt lange detaillierte Beschreibungen der Umgebung, der Kleidung, der handelnden Personen, der Menügänge, die serviert wurden usw..

Ich beschwerte mich bei dem Freund. Der entgegnete mir, dass es etwas dauerte, bis man sich in den Stil eingelesen hätte, und dass das Buch dann unglaublich dramatisch und spannend würde.

Ich beschäftigte mich also weiter mit dem Buch und erlebte das Phänomen, welches den geduldigen Leser bei vielen Romanen Balzacs irgendwann überwältigt.

Die Handlung bekommt ganz plötzlich einen wahnsinnigen "Drive", der Leser ist völlig gefangen in der Geschichte, lebt, liebt und leidet mit den Hauptdarstellern, kann nicht mehr aufhören zu lesen.

Auf den Leser überträgt sich die atemlose Schnelligkeit, mit der die Romane Balzacs geschrieben wurden. Sie können noch etwas mehr über die außergewöhnliche Arbeitsmethode des Autors erfahren.

Gleichzeitig besteht Balzacs Kunst darin, bedeutende philosophische Erkenntnisse mit Leichtigkeit und scheinbarer Mühelosigkeit zu vermitteln. Ideen, von denen jede einzelne von kleineren Geistern zu dicken sozialwissenschaftlichen Werken ausgewalzt werden würde, erschließen sich dem Balzac-Leser durch einen witzigen Dialog.

Dazu kommt der treffende Humor Balzacs - erfrischend deswegen, weil er nicht auf Kosten anderer geht - und seine Fähigkeit, sich selbst auf die Schippe zu nehmen.

Z.B. entgegnete er einer jungen, vornehmen Verehrerin, die ihn als "tiefgründigen Denker" bezeichnet hatte: "Unter uns gesagt: ich bin nicht tiefgründig, sondern recht dick." (Pohrt, Berlin, 1990, S.24)

Was mich persönlich an Balzacs Büchern fasziniert ist, dass die Handlungen, Probleme, Gefühle, die die Hauptdarsteller erleben, völlig zeitlos zu sein scheinen. Mit einigen wenigen Änderungen könnten die Romane auch alle heute spielen.

Es ist, wie eine Freundin Balzacs, die Schriftstellerin George Sand, schreibt: "... dass alle unter uns, denen die Ehre widerfahren wird, als Zeugen für das Werk Balzacs aufgerufen zu werden, erklären: Dies ist die Wahrheit!" (Klappentext, Balzac Verlorene Illusionen, Frankfurt am Main und Leipzig, 1996)

 

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