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Die Romanfabrik

 

Es schien so, als müsste Balzac nach seinem ersten Misserfolg als Schriftsteller zurück in die Knechtschaft der Anwaltskanzlei und des bürgerlichen Lebens, doch da begegnete ihm plötzlich die vermeintliche Rettung in Form eines jungen, ansehnlichen Dandys, der auf den wohlklingenden adligen Namen Auguste le Poitevin de l'Egreville hörte.

Auguste schlug sich recht leidlich mit dem Schreiben von Schundromanen durchs Leben. Er hatte sich gute Kontakte zu diversen Verlegern geschaffen, suchte sich englische Schundromane, meist von der damals vielgelesenen Anne Radcliffe, kupferte die besten Ideen einfach ab und verscherbelte die Romane dann.

Poitevin kriegte nach kurzer Zeit mit, dass Balzac in Wahrheit viel mehr Talent zum Schreiben hatte als er selbst, und er schlug - geschäftstüchtig - Balzac vor, eine Art Arbeitsteilung vorzunehmen. Sie beide würden eine "Romanfabrik" gründen: Balzac sollte schreiben, Poitevin würde die Machwerke bei den Verlegern unterbringen.

Das fieberhafte Arbeiten begann: Honoré zog zurück ins Haus seiner Eltern und fing an, die allerschlimmsten Schundromane zu verfassen. Er arbeitete wie ein Besessener mit dem Ziel, sich durch diese Tätigkeit Unabhängigkeit und wieder eine eigene Wohnung in Paris zu erwerben.

Und die Firma florierte ungemein. Unter den Pseudonymen "Lord R'hoone" (umgestellt aus Honoré) und "Horace de Saint-Aubin" und auch noch anderen Namen produzierte Balzac unglaublich viele Schundbücher (etwa 40-50 Stück), die bei der Bevölkerung reißenden Absatz fanden. Zwei Jahre arbeitete Balzac wie ein Galeerensklave. Von Poitevin trennte er sich nach einiger Zeit und führte die Firma allein weiter.

Später, als er unter seinem eigenen Namen berühmt wurde, leugnete er seine Schundromane allesamt ab.

Viele Literaturwissenschaftler versuchen heute nachzuweisen, ob und wie Balzac sich mit der "Brötchenschreiberei" seinen Stil verdorben hat. Ich persönlich finde, dass in seinen ersten Romanen, die er unter eigenem Namen herausgegeben hat, von der Schundromanlinie noch etwas wahrzunehmen ist, in seinen späteren Romanen jedoch nicht mehr.

Balzac merkte natürlich selbst, dass er seine ursprünglichen Pläne, nämlich als Schriftsteller Weltruhm zu erlangen, vollkommen verriet.

An seine Schwester schrieb er:

"Wenn doch irgend jemand einen Zauberstrahl auf dieses erfrorene Dasein werfen würde! Noch habe ich keine Blüte des Lebens genossen ... Ich hungere, und nichts bietet sich meiner Begierde dar ... Ich habe nur zwei Leidenschaften: Liebe und Ruhm. Keine von beiden hat bisher Erfüllung gefunden."

 

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