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Schriftsteller II

 

Das Leben ab 1828 in der Wohngemeinschaft mit dem Schwätzer Latouche ödete Balzac nach kurzer Zeit an.

Mit Hilfe seiner Schwester Laure und ihrem Mann Monsieur de Surville mietete er unter deren Namen in der Rue de Cassini eine Wohnung, die die nächsten neun Jahre sein Domizil bleiben sollte. (Bilder der Umgebung der Rue Cassini unten)

Nur zwischendurch mietete er nochmals unter falschem Namen eine Zweitwohnung in der Rue de Batailles, wiederum um seiner Verfolgerschar von Gläubigern zu entgehen.

Das Haus teilte er mit seinem Freund, dem völlig erfolglosen Maler Auguste Borget. Diese Wohnung hatte Vorteile:

sie lag in der Nähe der Wohnung Madame de Bernys, sie hatte einen geheimen Hinterausgang und sie war nicht übermäßig teuer.

Balzac richtete sich seine neue Wohnung mit sehr viel Liebe aber geringem Geschmack ein. Er hatte einen Hang zu teurem Kitsch. Seine Wohnungseinrichtungen waren immer eine Mischung aus sehr kostbaren Assesoires, teuren Seidentapeten und Teppichen und verstaubten Flohmarktartikeln.

Es gibt die Anekdote aus dieser Zeit, dass Balzac auf dem Flohmarkt eine Gipsbüste Napoleons kaufte, und dann - inspiriert durch deren Anblick - den Satz "Was er mit dem Degen begann, werde ich mit der Feder vollenden" auf ein Blatt Papier schrieb und an die Statue heftete.

Jedenfalls beschloss Balzac, den Faden als Schriftsteller wieder aufzunehmen und fing wie früher an, Geschichtsbücher zu studieren, um ein geeignetes Thema, diesmal für einen Roman, zu finden.

In dieser Zeit stieß er auf die spannende Bücherreihe von James Fenimore Cooper: "Lederstrumpf" und "Der letzte Mohikaner", welche die meisten von Ihnen bestimmt kennen.

Diese Bücher regten Balzac dazu an, in der französischen Geschichte ein ähnliches Thema zu suchen. Er fand es im Kampf der bretonischen Bauern und Salzschmuggler, der sog. Chouans (von "Eule", deren Ruf als ihr Geheimzeichen diente) auf Seiten des Königs gegen die neue Republik, ein erbitterter Kleinkrieg in der Bretagne im Schatten der großen französischen Revolution .

Nun könnte man annehmen, dass Balzac als ehemaliger Schundromane-Fabrikant und Vielschreiber auch gleichzeitig angeberisch, oberflächlich und banal war.

Doch wenn er ein Romanthema zu seiner ureigenen Sache erklärt hatte, ging er stets mit großer Intensität, Leidenschaft und Gründlichkeit zu Werk.

Für den ersten unter seinem eigenen Namen veröffentlichten Roman "Der letzte Chouan oder die Bretagne im Jahr 1800" betrieb er monatelang die intensivsten Studien.

Er besorgte sich alle Geschichtsbücher und Memoiren zu dem Thema, er fand auf dem Flohmarkt die militärischen Karten, in denen er mit kleinen farbigen Nädelchen die Truppenbewegungen nachstellte, und er reiste in die Bretagne, wo er bei einem Bekannten seiner Eltern - dem Baron Pommereul - einem pensionierten republikanischen General und Teilnehmer am Chouan-Krieg, wohnte. Während seines Aufenthaltes im Schloss der Pommereuls bei Fougéres erhielt er die Gelegenheit, mit dem Baron selbst und älteren bretonischen Zeitzeugen zu sprechen, Land und Leute kennenzulernen.

Noch im Schloss der Pommereuls verfasste er den größten Teil des Romans.

Als er nach einigen Monaten nach Paris zurückkehrte, kontaktierte ihn sein alter Bekannter, der nervende Latouche.

Natürlich befand sich Balzac nach wie vor in einer schwierigen finanziellen Lage. Latouche, der schon lange ahnte, dass in Balzac ein begabter Schriftsteller steckte, bot Balzac an, ihm für 1000 Francs (zum Vergleich: Balzacs Wohnung in der Rue Cassini kostete 400 Francs im Jahr) die Verlagsrechte für das noch unvollendete Buch abzukaufen. Damit wollte er Balzac natürlich übers Ohr hauen, und an dieser Geschichte scheiterte dann auch die sowieso schon angeknackste Freundschaft der beiden vollends.

Ein Jahr nachdem Balzac in die Rue Cassini gezogen war, erschien das Buch im März 1929 in vier Bänden bei dem uns bereits bekannten Verleger Canel, mit dem zusammen Balzac früher schon das Projekt "Herausgabe der französischen Klassiker" versiebt hatte.

Auch mit diesem Romanprojekt mussten die Beteiligten Balzac, Latouche und Canel Verluste hinnehmen. Obwohl Latouche und Balzac die Werbetrommel gerührt hatten, fiel der Roman - ich meine: zu recht - bei der Kritik durch, und in einem Jahr wurden nur mit Müh' und Not 445 Exemplare verkauft.

Die Rue Cassini wurde nach dem Gründer des Pariser Observatoriums benannt, das sich in der Straße befindet (s.u.)

In direkter Nachbarschaft der Rue Cassini befindet sich das "Ancien Hotel de Massa" (s.u.), in dem Balzac im Jahr 1838 zusammen mit seinen Autoren-Freunden Victor Hugo und Ernest Legouré die "Societé des Gens de Lettres" gründete.

Das Haus wurde ursprünglich vom Architekten Le Boursier in 1777 für den damaligen Postminister Thiroux de Monsauge gebaut. Im Jahr 1880 kaufte der Baron von Massa das Haus.

Auch heute noch ist die von Balzac gegründete Gesellschaft in der alten Villa untergebracht (s.u.). Die Aufgaben der Gesellschaft haben sich heute erweitert, der Grundgedanke Balzacs blieb erhalten.

                            Ancien Hotel de Massa

 

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