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Die Arbeitsmethode Balzacs

Während der folgenden Jahre eignete sich Balzac seine ungewöhnliche Arbeitsmethode an, die seinen Tagesablauf folgendermaßen aussehen ließ:

Etwa gegen 18.00 Uhr ging er ins Bett und sorgte dafür, dass ihn niemand stören würde.

Kurz vor Mitternacht, wenn die ganze restliche Stadt schlief, erhob er sich, die ruhige Nacht vor sich, in der er ungestörte Stunden für die Arbeit hatte.

Für seine Arbeit hatte er sich ein besonderes Kleidungsstück zugelegt, eine weiße Karmeliter-Mönchskutte mit Kapuze. Um seine Hüfte schlang er eine goldene Kette, an der nicht wie an der Mönchstracht ein Kreuz, sondern Schneidwerkzeug fürs Papier hingen. Im Winter trug er die Kutte aus Kaschmir, im Sommer aus feinem Leinen.

           

Balzac in seiner Arbeitskleidung

Seine Arbeitsnächte liefen immer nach dem gleichen Schema ab:

Zunächst braute er sich einen finsterschwarzen Kaffee, der sich aus Sorten zusammensetzte, die er bei unterschiedlichen Händlern in Paris kaufte. Er brauchte fast einen ganzen Tag, um nacheinander die verschiedenen Händler abzuklappern und seine monatlichen Kaffeerationen nachzufüllen.

      Balzacs Kaffeekanne

Seinen kleinen Schreibtisch hatte er mit grünem Billardtuch bespannt, das Papier war blaugetönt, damit er die Augen schonte; auf dem Tisch befanden sich ein sechsarmiger Kerzenleuchter, dessen Kerzen jede Nacht erneuert werden mussten, rechts die zurecht geschnittenen Rabenfedern, die teuersten, die es gab, das frisch gefüllte Tintenfass, und auf der linken Seite lag sein Skizzenheft mit Ideen, Gedanken, die er zu verwenden beabsichtigte. Außer diesem Heft verwendete er nichts, nicht so wie andere Dichter zusätzlich Nachschlagewerke, Handbücher etc. Alles, was er schrieb, kam aus seinem Gedächtnis, seiner Vorstellungskraft.

Seiner zukünftigen Ehefrau schrieb er im Jahr 1839:

"Sie können sich meine Empfänglichkeit nicht vorstellen; bei mir verjährt nichts - alles, was mich je beeindruckte, ist wie von gestern. Ein Baum, ein Fluss, ein Berg, eine Aussicht, ein Wort, ein Blick, Angst, Lust, Gefahr, Emotion, sogar der Sand, das kleinste Ereignis, die Farbe einer Mauerwand, alles spiegelt sich in meiner Seele, alles empfinde ich täglich neu und tiefer." (Balzac, zusammengestellt von Werner Fuchs-Hartmann, Leipzig 1940, S. 289)

Nach zwei Tassen "Herzraserei-Kaffee" setzte er sich an den Schreibtisch, begann zu schreiben und hörte oft erst nach zehn, zwölf, sechzehn, manchmal gar erst nach vierundzwanzig Stunden wieder auf zu schreiben. Nach etwa sechs Stunden fieberhaften Schreibens nahm er meist die nächste Kaffeeration zu sich.

Seiner Freundin Zulma Carraud schrieb er öfters über seine Methode, vor allem, wenn sie ihm Vorhaltungen über seinen  Kaffeemissbrauch machte.

Die Herzkrankheit, an der er im Alter von 51 Jahren starb, ist eindeutig auf den süchtigen Gebrauch der Droge Kaffee zurückzuführen. Zitat: "Seine Freunde pflegten zu sagen: er hat von 50000 Tassen Kaffee gelebt und ist an ihnen gestorben." (Balzac, zusammengestellt von Werner Fuchs-Hartmann, Leipzig 1940, S. XIII)

Meist morgens gegen 8.00 Uhr unterbrach Balzac sein Schreiben für ein leichtes Frühstück, welches ihm später sein Diener Auguste nach einem festgelegten Ritus servierte. Danach entspannte er sich etwa eine Stunde in einem warmen Bad, entkrampfte seine vom gebückten Sitzen schmerzenden Muskeln.

Sobald er gebadet und angezogen war, wartete schon draußen eine Unmenge von Leuten auf ihn: Laufburschen mit Korrekturfahnen der Druckereien, Redakteure und Verleger mit Schreibaufträgen, Fans und immer noch Gläubiger und nochmals Gläubiger.

Den ganzen Vormittag bis etwa 12.00 oder 13.00 Uhr widmete sich Balzac dann den Besuchern und korrigierte seine Druckfahnen. Alle Drucker hassten ihn deswegen, weil er die bereits gesetzten Texte jedes Mal komplett ummodelte. Es ist nicht auszudenken, mit wie vielen Romanen uns Balzac überschüttet hätte, wenn ihm ein Computer zur Verfügung gestanden hätte, auf dem die Änderungen leicht durchzuführen gewesen wären. So forderte er von den Druckereien zwischen vier bis sieben Druckfahnen, deren Änderungen und Ergänzungen den Text meist länger werden ließen, als den jeweils vorherigen Text. Er hatte sich daher besonders große Korrekturfahnen ausbedungen, in denen er wüst herumstrich, einfügte, Verweise mit Pfeilen, Anmerkungen hineinschrieb oder Texte einfach mit der Schere herausschnitt und woanders hinsetzte.

                                                Von Balzac überarbeitete Druckfahne

 

Praktisch heißt das: Jeden einzelnen der rund achtzig Romane, die er zwischen 1829 und 1848 verfasste, hatte er - bis er sie als druckreif ansah - im Durchschnitt viermal geschrieben.

Gegen Mittag nahm er ein kleines Mittagessen zu sich und arbeitete danach weiter bis gegen 17.00 Uhr: Er schrieb Briefe, entwarf Zeitschriftenartikel, machte Aufzeichnungen in sein kleines Skizzenbuch.

Zwischen 17.00 und 18.00 Uhr aß er wiederum sehr leicht zu abend, manchmal besuchten ihn Zulma Carraud, Madame de Berny oder sein Mitbewohner Borget, dann um 18.00 Uhr legte er sich ins Bett, und der Arbeitskreislauf begann von neuem.

 

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