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Die Unbekannte

 

Balzac bekam ab dem Erscheinen seines Bestsellers "Physiologie der Ehe" eine schier unglaubliche Menge von vor allem Leserinnenbriefen.

Er hatte zunächst die Idee, alle Briefe zu beantworten. Doch seine Freundin, die Herzogin d'Abrantès, ging mit ihm die Fan-Post durch und traf eine Vorauswahl, welche Briefe sie für beantwortenswert hielt und welche nicht. So steuerte sie geschickt, mit wem Balzac bekannt wurde, und in welche Salons er eingeladen wurde. Die Flut von Leserbriefen hörte ab diesem Zeitpunkt nicht mehr auf, und Balzac pflegte mit unzähligen Menschen einen umfangreichen Briefwechsel.

Die Frage ist, wann er diese ganzen Briefe schrieb.

Es ist bekannt, dass er ganze Stapel von Briefen, vor allem Fan-Post von Verehrerinnen, seinen Freundinnen Zulma und Laure de Berny zur Beantwortung überließ. Damals gab es noch kein Fernsehen, und so stellte dieser kleine Job für die Damen eine nette Abwechslung in ihrem langweiligen, ländlichen Dasein dar.

Über den Weg des Fan-Briefs hatte sich auch die Herzogin de Castries bei Balzac eingeschmeichelt.

Ein interessanter Zufall des Lebens war es, dass Balzac zur gleichen Zeit, als er den Brief der Herzogin de Castries erhielt, auch den anonymen Brief einer anderen Verehrerin bekam.

Er legte diesen auf sehr vornehmen, teuren Papier verfassten Brief aus dem damals zaristischen Polen zunächst auf den Stapel: noch zu erledigen.

Irgendwann fiel ihm der Brief wieder in die Hände, vor allem auch weil er mit der geheimnisvollen Unterschrift "L'Etrangère" (die Unbekannte) unterzeichnet war.

Es tröpfelten nach und nach noch weitere Briefe aus der gleichen Hand bei ihm ein, immer unterzeichnet mit "Die Unbekannte".

Dies alles, und der geistreiche Stil der Briefe, erweckten in unserem phantasiebegabten Freund eine riesige Neugier auf die zweifellos aristokratische Verfasserin.

Im November 1832 erhielt er plötzlich einen Brief der Unbekannten, indem sie in bat, durch eine Annonce in der Tageszeitung "Quotidienne" (die einzige französische Zeitung, die man im damaligen zaristischen Polen abonnieren durfte) zu bestätigen, ob er ihre Briefe erhalten habe und ob er wünschte, dass sie ihm weiter schrieb.

Balzac war kein Mensch der halben Sachen: Er begann "Die Unbekannte" geradezu mit Annoncen im "Quotidienne" zu bombardieren. Teilweise gab er täglich Annoncen auf, in denen er sie drängte, ihre Anonymität aufzugeben und ihm mitzuteilen, wie er ihr antworten könnte.

Doch für "Die Unbekannte" war es sehr schwierig aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihr Geheimnis zu lüften.

Sie führte als Ehefrau des märchenhaft reichen Feudalherren Graf von Hanski, selbst aus einer hochangesehen Adelsfamilie stammend, das Leben in einem goldenen Käfig.

Graf Hanski war 22 Jahre älter als seine hübsche und lebenshungrige Frau.

Evalina von Hanska, so der Name der Unbekannten, lebte auf dem unvorstellbar großen Schloss Wierzchownia in den einsamen Steppen Wolyniens, welche im Winter mehrere Monate gänzlich von der Umwelt abgeschnitten waren. (21000 ha Land von mehr als 3000 Leibeigenen bewirtschaftet. Größenvergleich: der Besitz war etwa 1 1/2 x so groß wie das Fürstentum Liechtenstein, 100x so groß wie das Fürstentum Monaco oder auch etwa halb so groß wie der Zwergstaat Andorra).

Schloss Wierzchownia (Lithographie von Orda, ca.1860)

Evalina war hochgebildet und verfügte über eine sehr umfangreiche Bibliothek, die beständig mit Neuerscheinungen aus ganz Europa bestückt wurde. So erhielt Evalina natürlich auch einige Bücher Balzacs. Darüber hinaus hatte sie schon des öfteren Klatsch und Tratsch über Balzac in den ausländischen Zeitungen, die sie abonniert hatte, gelesen.

Der Graf war ein Langweiler ersten Grades und interessierte sich ausschließlich für Vogelkunde. Die soziale und emotionale Wüste, in der Evalina vor sich hin vegetierte, war ungeheuer groß. Zunächst hatte sie die Briefe an Balzac als reinen Zeitvertreib begonnen, hatte sich mit ihrer Gesellschafterin zusammen einen Spaß daraus gemacht, übertrieben schwulstige Machwerke zu verfassen.

Doch die stürmische Reaktion Balzacs im "Quotidienne" ließen sie plötzlich nicht mehr kalt. Aus dem Spiel wurde Ernst, und Evalina fing an, darüber nachzudenken, wie sie in einen unauffälligen Briefwechsel mit Balzac treten könnte. Briefe Balzacs an sie selbst wären ein absoluter Skandal gewesen. So kam sie auf die interessante Idee, dass Balzac seine Briefe an die Gouvernante ihrer Tochter Anna, Henriette Borel, schicken könnte, die hin und wieder Post von französischen Verwandten erhielt. Unter schweren moralischen Bedenken willigte die Gouvernante in die Sache ein.

Der Briefwechsel Balzacs mit Evalina nahm in beider Leben mit der Zeit die allerhöchste Bedeutung ein. Balzac schrieb Evalina oft mehrmals die Woche, und die Briefe stellen für die Biographen Balzacs eine einzige große Quelle dar, weil er in ihnen viele Details über sein Privatleben, seine Arbeit, sein gesellschaftliches Leben in Paris darlegte. Auf der anderen Seite wollte Balzac seine neue Leidenschaft auch gerne beeindrucken, und so entsprachen viele Dinge, die er schrieb, nur in Ansätzen der Wahrheit.

Übrigens fälschte Evalina später, nach Balzacs Tod, eine ganze Reihe von Briefen, damit sie sich besser veröffentlichen ließen.

Evalinas Briefe an Balzac vernichtete Balzac bereits noch zu seinen Lebzeiten, oder Evalina verbrannte sie nach Balzacs Tod selbst.

 

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