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Der schriftstellerische Durchbruch

Der lang ersehnte Erfolg Balzacs als Autor sollte sich noch im Jahr 1829 kurz nach Erscheinen des Buches "Der letzte Chouan" praktisch märchenhaft über Nacht mit seinem mehr zufällig geschriebenen Buch "Physiologie der Ehe" einstellen.

Während seiner Roman-Fabrik Zeiten hatte Balzac auch begonnen, für alle möglichen Gelegenheiten als Ghostwriter zu arbeiten. Er übernahm Aufträge für allerlei Handbücher und hatte Jahre vorher vom Verleger Levasseur den Auftrag übernommen, eine Art "Leitfaden für Geschäftsleute" (wie wir wissen, ist Balzac ja im Thema Firmengrüdungen und Geschäfte ein echter Fachmann) zu schreiben.

Jetzt, da Balzac plötzlich als Autor des "letzten Chouan" auftrat, erinnerte sich Levasseur daran, dass Balzac ihm noch ein Buch schuldete.

An einem "Handbuch für Geschäftsleute" hatte Balzac jedoch zu dieser Zeit kein Interesse, und so schlug er Levasseur vor, eine Art Brevier für frustrierte Eheleute zu schreiben, welches er "Physiologie der Ehe" nennen wollte, ein vielversprechender Titel, den er sich spontan ausgedacht hatte und von dem er eigentlich gar nicht wusste, was er bedeuten sollte. Der Untertitel wird Ihnen gefallen: "Philosophisch-eklektische Betrachtungen über Glück und Unglück der Ehe, veröffentlicht von einem jugendlichen (Balzac war 30 Jahre alt) Junggesellen".

Es ist interessant, dass anscheinend, außer passionierten Balzac-Forschern, niemand weiß, was in diesem Buch steht.

Ich habe es gelesen und finde es amüsant. Alle möglichen Themen, die das Eheleben betreffen, werden von Balzac aufgegriffen und verulkt.

In jedem Fall stellte das Buch "Physiologie der Ehe" eine Art "Zeitgeist-Geschichte" dar, die sofort ein riesiger Bestseller wurde.

Obwohl Balzac ausdrücklich den männlichen Leser anspricht, verschlangen vor allem unglücklich verheiratete Frauen das Machwerk; jeder Mensch, der in Paris etwas auf sich hielt, musste das Buch gelesen haben, innerhalb einer Woche (!) nach Erscheinen war der Name Balzac in aller Munde. Die irrsten Gerüchte begannen zu kursieren, z.B.

der Autor sei in Wirklichkeit eine Frau, oder aufgrund der pikanten sexuellen Darstellungen solle das Buch auf den Index des Bischof von Paris gesetzt werden und in der zweiten Auflage sollten die interessantesten Passagen bereits zensiert sein etc. (Im übrigen wurden viele Bücher Balzacs wirklich später auf den Index der Katholischen Kirche gesetzt).

Drei Wochen nach Erscheinen wurde das Büro Levasseurs von Fluten von Briefen - Fanpost u.a. - überschwemmt: Morddrohungen, Heiratsangebote, sexuelle Angebote beider Geschlechter, Bettelschreiben, Einladungen zu Gesellschaften, zustimmende, ablehnende, begeisterte und vernichtende Urteile.

Auch Briefe mit Beschimpfungen trafen ein, wie z.B. "Sie sind ein Schwein" oder "man sollte Ihnen gewisse Körperteile abschneiden, falls sie solche überhaupt haben" oder "scher' Dich zurück nach England, Du britische Sau" oder "Nur ein Deutscher kann einen Unsinn in so schlechtem Französisch geschrieben haben". (Gorham, Stuttgart - Zürich - Salzburg, ohne Jahresangabe, S. 277).

 

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