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Die de Castries-Affäre

 

Das vollkommene finanzielle Fiasko sollte erst im Jahr 1832 kommen.

Im diesem Jahr war Balzac in ganz Europa bekannt wie ein bunter Hund.

Diese Bekanntheit sowie sein öffentliches Bekenntnis zur Monarchie brachte die kleine extreme Gruppe der Ultraroyalisten auf die Idee, Balzac als eine Art intellektuelle Galionsfigur für ihre Sache zu gewinnen.

Um ihn vor ihren Karren spannen zu können, setzten sie eine Adlige auf ihn an: die Herzogin de Castries.

Sie stellte den idealen Lockvogel der Ultrarechten dar: sie war schön und unglaublich reich, von überaus vornehmen Adel, und sie hatte eine tragische Vergangenheit (sie verließ ihren Ehemann zugunsten ihres Geliebten, doch das Glück dauerte kurz: sie selbst stürzte vom Pferd und verletzte sich am Rückgrat, und ihr Geliebter starb nach kurzer Zeit an Tuberkulose, was sie nach Paris ins elterliche Haus zurückverschlug, wo sie aufgrund ihrer Behinderung gezwungen war, den größten Teil des Tages im Bett zu verbringen).

Über die Beziehung zwischen Balzac und der Herzogin de Castries ist viel geschrieben worden, auch von ihm selbst (z.B. in dem Buch "Die Herzogin von Langeais", mit dem er versuchte, sich an der Herzogin de Castries zu rächen).

Auf sehr geschickte Art verstand es die Herzogin, Balzacs Hang zu Geld, Pomp und Adelstiteln auszunutzen.

Dadurch, dass sie ihn immer wieder zu sich einlud, seine Annäherungsversuche dann aber abblockte, entzündete sie in ihm nach und nach eine Leidenschaft, ein Abhängigkeitsverhältnis, aus dem Balzac sich nur sehr schwer wieder lösen konnte.

Geschickt brachte sie ihn überdies dazu, Artikel für ihre Freunde, die Ultraroyalisten, in deren Zeitung "Le Rénovateur" zu veröffentlichen.

Die Artikel in dem extrem rechten Blatt zogen ihm den Ärger der gesamten Schriftstellerszene zu, die alle eher dem liberalen Lager zuzuordnen waren.

Auch seine Freunde fanden seine Leidenschaft für die Herzogin bedenklich und warfen ihm vor, dass er sich zum Narren mache.

Es ist nicht so, dass Balzac die Geschichte nicht durchschaut hätte. An seine Freundin Zulma schrieb er: " ... ich laufe jemandem nach, der sich vielleicht lustig über mich macht ..." (Zweig, Frankfurt am Main, 1959, S. 167)

Um der Herzogin zu imponieren, schaffte Balzac sich die teuersten Dinge an, z.B. auch einen eigenen Wagen mit Pferden. Auf den Wagen ließ er von einem Heraldiker das Wappen der d'Entragues malen, mit deren Adelshaus er sich verwandt fühlte (was eine glatte Erfindung war). Er leistete sich einen Haushalt mit drei Dienstboten, neue Garderobe, teure Parfums, Schmuck, unbezahlbare Blumen, Weine, Lebensmittel.

Am Ende der Beziehung mit der Herzogin stand Balzac erneut vor dem Totalbankrott und war wiederum gezwungen, sich an seine Mutter um Hilfe zu wenden.

Seine sparsame Mutter reiste nach Paris in seine Wohnung und begann für Ordnung zu sorgen: Kutsche verkaufen, Personal entlassen, mit Gläubigern feilschen, Lieferanten beruhigen, Personen ausfindig machen, die Balzac noch Geld schuldeten und dieses eintreiben. Balzacs Schulden aus der de Castries-Affäre hatten 200000 Francs betragen, und seiner Mutter gelang es den Betrag auf 10000 offene Francs herunterzuschrauben.

Doch kaum war die schlimmste Last beseitigt, und Balzac hatte bei seiner Mutter Besserung gelobt, schrieb ihm die Herzogin erneut einen Liebesbrief und lud ihn nach Aix-les-Baines, einem sehr exklusiven Badeort, ein.

Balzacs Leidenschaft flammte wieder auf, er lieh sich Geld zusammen und eilte zu seiner Herzogin. Der Aufenthalt in Aix-les-Baines war ein weiteres Fiasko. Auf der Hinreise hatte Balzac einen schweren Postkutschen-Unfall, bei dem sein Bein von oben bis unten aufgerissen wurde, und in Aix-les-Baines, bzw. kurz darauf in Genf, bekam er mit, dass die Herzogin in Wirklichkeit wahrscheinlich mit einem anderen Mann liiert war, natürlich einem Herrn aus ihren eigenen Kreisen, und dass er - Balzac - die ganze Zeit an der Nase herumgeführt worden war. (Diese Geschichte ist nicht 100%ig erwiesen. Was daran stimmt ist, dass er einsehen musste, dass er nie eine Chance als Liebhaber bei der Herzogin haben würde.)

Sein letztes bisschen Selbstachtung zusammennehmend, reiste er geschlagen zurück nach Hause und stürzte sich wieder in die Arbeit.

Jetzt, nachdem er auf seine früheren Schulden zusätzlich noch die neuen aufgetürmt hatte, kam es auf diejenigen, die er bis zum Ende seines Lebens noch ansammelte auch nicht mehr an.

Um seinen Verfolgern und Gläubigern zu entgehen, mietete er zeitweise, zusätzlich zu seiner Wohnung in der Rue de Cassini, eine versteckte Zweitwohnung unter falschem Namen (die ehrenwerte Witwe Veuve Durand) in der Rue des Batailles.

 

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