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Schriftsteller I

 

Wie wird man ein unabhängiger, reicher und berühmter Schriftsteller?

Zunächst war Balzac darauf angewiesen, seine Familie als Geldgeber für diese Idee zu gewinnen.

Seine Eltern, besonders seine ehrgeizige Mutter, waren völlig schockiert, als ihr Sohn, für dessen bürgerliche Karriere sie so viel getan hatten, sie mit seinem Ansinnen konfrontierte.

Zum einen hatte Balzac seine sichere Stellung in der Anwaltskanzlei verlassen, zum anderen hatte er sich auf dem Gebiet der Schriftstellerei bislang noch nie auch nur in der geringsten Weise hervorgetan.

Ein zäher Kampf entbrannte in der Familie, und er endete mit dem interessanten Kompromiss, dass die Eltern sich bereit erklärten, ihrem Sohn eine finanzielle Unterstützung zu gewähren, die etwa zwei Jahre für ein sehr bescheidenes Leben reichen könnte. In diesen zwei Jahren sollte Balzac die Gelegenheit haben, sich als Schriftsteller zu bewähren. Wenn ihm dies nicht gelingen sollte, würden ihm die Eltern kein weiteres Geld mehr geben.

Um die Angelegenheit in der Verwandtschaft zu vertuschen, erzählte die Mutter, dass Honoré sich wegen seiner angeschlagenen Gesundheit zu einem Vetter in den Süden begeben hätte. Nach diesen Vorbereitungen fuhr sie mit ihrem Sohn in die Stadt (die Familie wohnte zu der Zeit in Villeparisis, einem verträumten Vorort von Paris) und suchte für ihn das billigste und schrecklichste Zimmer, welches zu finden war: Eine Dachkammer im 5. Stock der Nr. 9 Rue Lesdignières. (unten ein Bild der Nr. 9 Rue Lesdignières im Jahr 2001, Foto B. Licht)

Balzac schrieb später in seinem Buch "Das Chagrinleder" darüber.

Die Eltern hatten die Hoffnung, dass er mit seinem Plan scheitern würde, und dass er nach den zwei Jahren des entbehrungsreichen Lebens schnell wieder in seine erfolgversprechende Karriere als Jurist zurückkehren würde.

Balzac begann sofort mit den Vorbereitungen seines ersten Meisterwerkes - so glaubte er fest. Er fing an, viele, viele Bücher zu lesen, um sich mit dem Aufbau und Stil von anderen bekannt zu machen. Die Bücher lieh er sich in der nahegelegenen Zeughausbibliothek. Wenn er nicht mehr lesen konnte, ging er in dem Arbeiterviertel, in dem er wohnte, spazieren und studierte die Menschen auf Märkten oder in Kneipen.

Damit seine Eltern eine Art Kontrolle über das Tun und Treiben ihres Sohnes hätten, setzten sie einen Freund der Familie auf ihn an, den Eisenwarenhändler Dablin. Doch statt ein "Spion" der Familie zu werden, freundete er sich mit Honoré an und blieb einer der vier engsten Freunde, die Balzac zeitlebens hatte. Balzac widmete ihm später seinen Roman "Cesar Birotteau" .

Am Anfang dachte Balzac nicht daran, einen Roman zu verfassen. Er war überzeugt, dass er ein Bühnenschriftsteller werden würde. Eine historische Themen verarbeitende Tragödie in Versen , so wie die Werke von Schiller, das war sein erstes Projekt.

Als Stoff wählte er, nachdem er in der Bibliothek unzählige Geschichtsbücher gewälzt hatte, die Geschichte von Oliver Cromwell aus.

Aus dem Briefwechsel, den Balzac mit seiner Schwester Laure zu dieser Zeit pflegte, kann man erkennen, wie ambivalent seine Gefühle in Bezug auf sein schriftstellerisches Talent waren.

Eine Persönlichkeit wie Balzac ist kein Versdichter. Verse verlangen vom Schreiber Ruhe, Konzentration, Geduld. Für einen Menschen, der, so wie Balzac, mehr "manisch" oder "rauschhaft" schrieb, passte das Theaterstücke-Schreiben unmöglich.

Sein "Cromwell", den er in fieberhafter Arbeit von sieben Monaten im Mai 1820 fertig stellte, wurde daher auch ein riesengroßer Flop.

Seine Eltern arrangierten bei sich zu Hause eine Lesung, in der Honoré sein Werk vorstellen sollte. Eingeladen waren: die Familie, bestehend aus den Eltern Bernard-Francois und Anne Charlotte, der Großmutter, der Schwester Laure mit ihrem neuen Ehemann, Monsieur de Surville, den anderen beiden Geschwistern, Laurence und Henri, und den beiden Freunden der Familie, dem bereits erwähnten Eisenwarenhändler Dablin und dem Arzt Dr. Nacquart, der auch, wie Dablin, später der treueste Freund Honorés wurde.

Wenn wir eine Stelle aus dem Roman "Verlorene Illusionen" lesen, können wir vielleicht nachempfinden, wie es Balzac mit der Lesung seines Stückes erging.

Man muss der Zuhörerschaft von Balzacs erster öffentlicher Lesung zugute halten, dass sie begriffen, dass sie nichts von Literatur verstehen und nicht beurteilen konnten, ob das Werk schlecht war, oder ob nur sie angeödet und gelangweilt waren.

Deshalb ließ die Mutter den "Cromwell" von einem Literaturprofessor der Sorbonne begutachten, und der schrieb folgenden Kommentar: "Ich bin weit davon entfernt, Ihren Herrn Sohn entmutigen zu wollen, glaube aber, er könnte seine Zeit besser verwenden, als Tragödien oder Komödien zu schreiben ..." (Zweig, Frankfurt am Main, 1959, S.42).

Wo bezieht man nach so einem schweren Misserfolg die Kraft her, weiterzumachen? Im November 1820 strichen die Eltern Honoré zunächst einmal das Geld und kündigten sein Zimmer.

 

Die Rue Lesdignières befindet sich in der Nähe der Bastille und der neuen Oper von Paris. Die zwei Anziehungspunkte sorgten dafür, dass sich der Stadtteil im Vergleich zu früher herausputzte. Während auf dem Place de la Bastille reger Verkehr herrscht, ist es in der kleinen Seitenstraße Rue Lesdignières, in der noch viele alte Häuser stehen, sehr ruhig. Das Dachgeschoss des Hauses Nr. 9 wurde wegen Baufälligkeit (s.o.) schon vor langer Zeit abgerissen. In dem Untergeschoss, das erhalten blieb, befindet sich heute eine kleine Autoreparaturwerkstatt.

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